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Wie sich zwei psychisch Kranke Halt geben

Während die einen nach Klopapier anstehen oder sich wegen der Abstandsregeln aufregen – die im übrigen für mich auch ohne Corona gelten können, denn wer mag schon den Atem eines fremden Menschen im Nacken spüren? – kämpfen andere mit echten Sorgen. Viel konnten wir darüber schon lesen und hören, über jene Menschen, die als Einsiedler leben und auf die sozialen Kontakte auf ihren täglichen Wegen angewiesen sind, ja sogar von jenen abhängig sind, um in ihrem täglichen Tun erst überleben zu können. Heidrun Vogt und Karla Fischer wohnen seit der Kontaktsperre zusammen, damit die Einsamkeit sie nicht übermannt und zum Mephistopheles ihrer Ängste und Depressionen wird. 
Mit der Allgemeinverfügung vom 19. März wurde auch der Schlüssel in der Tagesstätte Gera des Rehabilitations-Zentrum Stadtroda umgedreht. „Die Tagesstätte darf leider unter den aktuellen Gegebenheiten ihre regulären Angebote für Menschen mit psychischen und seelischen Erkrankungen nicht aufrecht erhalten. Mit einer Hotline und regelmäßigen Sorgensprechstunden halten wir den Kontakt zu unseren Besuchern aufrecht, wollen so schnell auf Notsituationen reagieren können und täglich als Berater und Begleiter in einer für alle ungewohnten Ausnahmesituation zur Verfügung stehen”, erklärt der Fachbereichsleiter Dr. Andreas Stammwitz. Es gibt viele Menschen und Einrichtungen, die angesichts der Pandemie besonders gefordert sind und Außergewöhnliches leisten.  Dazu gehören Karla Fischer und Heidrun Vogt. Letzere hatten wir in Neues Gera in unserer Serie „Abseits und doch mitttendrin” im August 2019 vorgestellt. Seit Jahren leidet sie unter Depressionen, hervorgerufen durch starke chronische Schmerzen. Heidrun Vogt ist 56 Jahre, hat eine 34-jährige Tochter, lebt allein und ist seit 1992 arbeitslos. Seit fast drei Jahren besucht sie nun täglich die Tagesstätte und sorgt für saubere und faltenfreie Wäsche. Angst und Irritation, wie sie die nächsten vor ihr liegenden Wochen bewältigen wollen würde und könnte, entsprang ihr die Idee ihrer Freundin Karla Fischer ein Bett in ihrer Wohnung anzubieten und eine „Corona-WG” zu gründen. Karla Fischer willigte spontan ein. Die 49Jährige ist ebenfalls Tagesstättenbesucherin, leidet seit ihrer Kindheit an Depressionen, Angst und Wutausbrüchen. Eigentlich lebt sie in einer Ein-Raum-Wohnung nahe dem Hofwiesenpark. Seit knapp fünf Wochen nun genießt sie das satte Grün am Bieblacher Hang. „Das Zusammenleben klappt sehr gut. Natürlich nerven wir uns auch mal, aber gestritten haben wir uns noch nie. Wir können uns hier in der Drei-Raum-Wohnung auch mal gut aus dem Weg gehen”, resümiert Karla Fischer das Zusammenleben auf Zeit. Einzig allein das Einkaufen bereitet beiden Stress und zehrt an ihren Kräften. „Für uns ist die Situation in der Kaufhalle belastend”, beschreibt Heidrun Vogt.  
„Es ist nicht nur ein Zusammenleben, sondern auch ein voneinander Lernen. So hilft z.B. Karla Fischer Heidrun Vogt bei der Verwaltung und Ordnung ihrer persönlichen Dokumente und Unterlagen. Frau Fischer frischt dagegen ihre Fähigkeiten beim Bügeln mit Unterstützung von Frau Vogt auf. Bei der Gestaltung einer Tagesstruktur werden beide durch die Tagesstätte angeleitet und unterstützt. So stehen die Chancen gut, dass beide gestärkt aus dieser Krise gehen können. All denen, die noch Probleme haben, den Anforderungen gerecht zu werden und Sorge haben, anstehende Belastungssituationen zu bestehen, soll dieses positive Beispiel Motivation sein. Ich halte es für ausgesprochen bemerkenswert, wie psychisch Kranke, die ganz besonders darunter leiden, wenn das Leben unangenehme oder gar lebensbedrohliche Überraschungen für sie bereit hält, sich der Situation stellen, sie gemeinsam meistern und an den Aufgaben wachsen. Vielleicht ist das auch ein Stück Ergebnis dessen, was die Tagesstätte in ihrer täglichen Arbeit unseren Leistungsnehmern nahebringen konnte”, bringt es Dr. Andreas Stammwitz auf den Punkt.

( Fanny Zoelsmann, 24.04.2020 )

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